Sein und Fleiß
Ihr Lieben! Ich fürchte ich schreibe zu wenig, doch Änderung ist in Sicht! Die bisher monatlichen Abstände sollen meines Vorsatzes folgend wieder zweiwöchig werden. Zu Berichten gab es jedoch nur mittelmäßig viel. In der Hauptdache war ich meist mit universitären Dingen beschäftigt, die sich aufgrund starrer Abgabefristen ca. alle vier Wochen unangenehm häufen. So arbeite ich derweil an einem Heidegger-Presentation zum Thema Tod und an einer Searle-Arbeit zum Thema Sprache… nichts neues also.
Am Sonntag habe nun auch ich endlich Zombieland gesehen und war begeistert, so dass hier eine uneingeschränkte Empfehlung ausgesprochen werden soll (eine urze Kritik findet sich auf Adrians Blog). Mit zwei meiner Filmbegeisterten Mitbewohner besuchte ich die Matinée-Vorstellung im örtlichen Kino, welches aufgrund der morgentlichen Zeit den Film in eine winzigen mit bequemen Sofas ausgerüsteten Saal verlegt hatte, so dass wir voller Gemütlichkeit und Süßigkeiten faulenzen und Fernsehen konnten…
Der Nachmittag stand dann im Zeichen des House Improvement (HI) einer Tätigkeit, der alle Hausbewohner drei Stunden Ihrer kostabren Semesterzeit opfern müssen, um das Haus zu verbessern: Ich strich die Decken im oberene Flur. Ein großer, großer Spaß für mich, wie sich alle denken können, die meine Haltung zu monotonen handwerklichen Tätigkeiten kennen. Danach wieder Heidegger und Tod.
Universitär war das einzig aufregende der Besuch einer Sprechstunde bei Searle. Ich bin der Ansicht hier auf eine (im wittgensteinschen Sinne) völlig neue Lebensform gest0ßen zu sein. Das Prozedere gleicht einer obskuren Mischung aus in Las Vegas geschlossener drive-through-schnell-Ehe und parareligiöser Audienz. Searles Büro liegt am hinteren unteren Ende des Philosopischen Seminars und zu seiner Tür gelangt man nur durch einen äußerst schmalen, langen Flur. Vor selbiger reihen sich dann bereits etwa zwanzig Minuten vor Beginn dutzende verschüchtert dreinblickende Menschen auf und pressen sich an die gegenüberliegende Wand, damit der Flur überhaupt begehbar bleibt.Auftritt Searle: Etwa fünfzehn Minuten zu spät mit dem Verweis, er habe noch einen Kaffee trinken müssen rauscht der kleine Professor Searle über den Flur in sein Büro – in ständiger Begelitung zweier seiner Doktorandinnen (die auch während der Sprechstunde geschäftig um ihn herumwuseln). Jetzt wird der Reihe nach eingetreten. Innen geht dann alles noch viel schneller. Searle fragt nach Namen und woher man kommt und erzählt sofort eine kleine Anekdote zum entsprechenden Ort (er sprach in Göttingen vor einigen Jahren in der Akademie und bekam ein Poster geschenkt, welches nachwievor sein Office ziert). Danach zum Anliegen. Mein Plan ist es nächstes Semester Independet Studies zu betreiben und einen Aufsatz zu erstellen, der an seine Vorlesung anknüpft und vielleicht zur Grundlage meiner Magisterarbeit werden soll. Unabhängige Studien darf man in Amerika aber nicht einfach so führen, nein im Credit-System müssen sie betreut werden. Searle willigt prinzipiell ein und sagt ich möge Ihm doch ein kleiens “proposal” schreiben. “Very, very short!!!!” Schließlich habe er keine Zeit. Schon wird man wieder herausgeleitet… aufregende 3,5 Minuten.
Jetzt wieder Heidegger und Tod.
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Kaffee
Diejenigen unter Euch, die mit dem Brauchtum amerkianischer Kaffeehausketten vertraut sind, bei Abgabe der Bestllung den Namen des Kundens durch die Tresenkraft erfragen zu lassen, so dass diese selbigen auf den Becher des zuzubereitenden Getränkes schreiben kann, um etwaigen Verwirrungen bei der Getränkeausgabe vorzubeugen, wissen, dass diese Praxis zu zauberhaften auditiv verursachten Missverständnissen führen kann. Für all jene, die dieses noch nicht erleben durften, hier eine rasche Zusammenfassung des Ablaufs:
Schritt 1: Man betritt eine Filiale der Kaffeehasukette.
Schritt 2: Man wählt ein Getränk aus der über dem Tresen angebrachten Getränkekarte aus. (z.B. 1 Grande Café Mocca)
Schritt 3: Man betritt Zone 1 des Tresens – Den Bestellung-Annahme-Bereich
Schritt 4: Man betsellt (“One Grande Mocca, Please”)
Schritt 6: Die Tresenkraft erfragt den Namen des Bestellenden.
Schritt 7: Man Antwortet, z.B.: “Hannes”
Schritt 8: Die Tresenkraft versteht den Namen nicht und fragt nach.
Schritt 9: Man wiederholt Schritt 7.
Schritt 10: Die Tresenkraft wiederholt Schritt 8.
Schritt 11: Man versucht verschiedene ans Amerikanische angeglichene Ausspracheweisen des eigenen Namens zu verwenden und/oder Buchstabiert ihn.
Schritt 12: Die Tresenkraft Schreibt einen Namen auf den Becher und wiederholt lautstark die Bestellung in Richtung Zone 2 des Tresens, wo daraufhin die Zubereitungskraft mit der Zubereitung des Getränks beginnt.
Schritt 13: Jetzt zahlt man und hat einige Minuten Pause.
Schritt 14: Aus Zone 3 des Tresens erfährt man das ein “Grande Mocca for Ha*’*#?” zubereitet und abholbereit auf der Annahmefläche steht.
Schritt 15: Man holt das Getränk ab und endeckt jedes Mal auf neue eine wunderbar aufregende Schreibweise des eigenen Namens. (Etwa: ”Hanis” , “Hawness”, “Hanns”, “Hans”…)
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Diskurse
Einer meiner festesten Vorsätze für mein “year abroad” wurde bereits gebrochen! Wild entschlossen, die gesammten zehn Monate nicht mit den Obskuritäten des amerikanischen Gesundheitswesens in Berührung zu kommen, bin ich angereist und schon musste ich nachgeben. Mit schwerer Nasennebenhölenentzündung schleppte ich mich bereits vor zwei Wochen zum universitären Miniklinkum wo man mir blitzschnell diverse Pillen aushändigte. Unter dem Einfluss von Antibiotikum, Nasalem Decongestant und Schmerzmitteln schlufrte ich die ersten Tage daher etwas abwesend durch die Universität. Sogleich möchte ich diese Erkrankung als entschuldigenden Gurnd für mangelnde Schreibfreude anführen.
Nun bin ich allerdings wieder gesund und darf sagen, dass die Kurse auch ohne Drogen spaß machen. Insbesondere die all dienstägliche Kombination aus morgendlichem Heidegger und nachmittäglichem Searle ist ganz wunderbar. So grübelt man etwa um 12 Uhr über die Notwendigkeit der ontologischen Analytik des Daseins als Freilegung des Horizonts für eine Interpretation des Sinnes von Sein überhaupt (Vgl. Heidegger: Sein und Zeit §5) und um 15 Uhr hört man dann von Searle folgendes über kollektive Intentionalität: … You would be in bed with Hegel and other german philosophers whose name start with H.! And that is very bad! In the subcultere that I am a member of you do not want to be caught dead in bed with any of the H’es (…) you would lose your membership in all sorts of nice clubs if you did that. Ein gorßer Spaß ist es!
Abseites der Philosophie wandele ich wohl auf den größten abwegen. Mein Montag steht nämlich ganz unter dem Stern kulturhistorischer Diskursanalyse. Dort diskutieren wir neben wöchentlich etwa 100 (!) Seiten an Artikeln auch noch ca. 5-6 Stummfilme. Wenn Ihr also den Drang verspürt, euch über den Diskurs fahradfahrender Frauen im frühen 20. Jahrhundert auszustauschen solltet Ihr in mir nach diesem Semester einen schlagfertigen Gegner finden, der über eine ganze Reihe aussagekräftiger Stummfilmreferenzen verfügt. In diesem Sinne werde ich jetzt auch wieder meiner Lektüre nachegehen und ergründen, ob aus einer poststrukturalistischen Perspektive, die These, dass das fürhe Kino Abbild der Moderne ist, aufrechterhalten werden kann.
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Feeding the Coop…
Da sitzt man nichts ahnend vor dem Kilometer großen, in high-definition-strahlendem, dolby schallendem Megafernseher in unserem gemütlichen living room, um sich entspannt ein nachmittägliches Halbfinale im Herrentennis anzusehen (ein Genuss, der mir erstmals im Leben gegönnt ist – bis vor Kurzem musste ich so etwas um drei Uhr des Nachts tun) plötzlich klingelt und klopft es an der Hintertüre und zwei bepackte Herren etwa meinen Alters schreiten nach Öffnung der Tür – auf mich einredend – herein! Es stellt sich heraus, dass es sich um die erste Essenslieferung für unser Wohnheim in diesem Semester handelt, denn in der auf den ersten Blick sündhaft teuer erscheinenden Miete ist das Essen mit inbegriffen. Binnen kürzester Zeit füllt sich somit unser Speisesaal mit tausend und einer Leckerei. Darunter etwa 30 verschiedene Sorten Käse, Roast Beef , Dijon Senf und Kilos exotenem Obstes! Seitdem ernähre ich mich ausschließlich sowie pausenlos von köstlichen Sandwiches!
Um die dadurch ausgelöste Kalorienbedrohung im Zaum zu halten, stand am heutigen Samstag ein ausgedehnter Spaziergang durch San Francisco an. Erstmalig betrat ich die Stadt bereits letzten Donnerstag, da war es allerdings Nachts und ich nur im Castro (dort genoss ich übrigens das erste vorzügliche Steak – und erwarb überdies mein erstes amerikanisches Kleidungsstück: Schal). Heute hingegen war das Programm wesentlich touristischer, gemeinsam mit meinem (göttinger) Mitbewohner wanderte ich durch den Financial District, China Town und das “italienische” North Beach, von dort aus ging es dann zu Fuß in Richtung Golden Gate Bridge, um nach ca. 4 Kilometern festzustellen, dass die sehr provisorisch gehaltene Karte, welche uns zur Verfügung stand, nur etwa ein Drittel der tatsächlich in der Stadt anzutreffenden Straßen aufzeigt, sodass sich eine schier unmöglich zu bewältigende Strecke vor uns auftat. Kurzentschlossen (und nach etwa halbstündiger Recherchearbeit) sprangen wir in einen Bus, der uns entgegen der Auskunft der Fahrenden nicht zur Golden-Gate-Bridge brachte, sondern noch weiter davon entfernt rauswarf als wir zuvor gestartet waren, da sich die Strecke zur Brücke als gesperrt erwies. Die Fahrerin gab uns daraufhin im gewohnt freundlichen Stile amerikanischer Dienstleister eine völlig falsche Auskunft, ob der nun zu wählenden Linie, dieses Täuschungsmanöver enttarnten wir jedoch noch an der Haltestelle und stiegen einfach in den nächsten Bus (wohlgemerkt gleicher Linie). Der neue Fahrer vermied es nun gänzlich verbal mit uns zu kommunizieren, nickte allerdings auf die Frage, ob dieser Bus uns nun an unser Ziel zu bringen vermag, müde, so dass wir einstiegen und auch nicht enttäuscht wurden. Es folgte die Wanderung über die Brücke, die bloß unterbrochen wurde durch das Schießen geschätzter tausend Fotos. Wie es sich gehört, lag die Brücke teilweise im Nebel und es war unglaublich kalt und windig. Selbstverständlich hatte ich entgegen aller Warnungen, dass es es in SF durchaus und fast immer ca. 5-7 Grad kälter ist als in Berkeley, meinen Schal nicht eingepackt, schade, er hätte sich gelohnt. Am andern Ende der Brücke mussten wir feststellen, dass es außer der Fähre nach Embarcadero (von der bereits die letzte abgelegt hatte) keine Möglichkeit gab an die East Bay zurückzukommen, allerdings konnten wir nach kurzen jedoch harten Verhandlungen einen Touristen-Sight-Seeing-Busfahrer überreden uns wieder mit in die Stadt zurück zu nehmen, so dass wir sogar noch in den Genuss kamen, die Golden-Gate-Bridge in einem authentischen Londoner Bus in der Nord-Süd-Richtung zu befahren…
Bemerkenswert:
Um etwaigen suizidalen Erwägungen entgegenzuwirken, weist die Brücke ihre Überquerer darauf hin, dass noch Hoffnung besteht.

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Go Bears!
Seit heute bin ich ein Bär! Sogar einer mit einem Ausweis (hier sei angemerkt, dass man auf den UCB Studentenausweisen mindestens genauso dämlich aussieht wie auf den göttinger Exemplaren)! Mit reichlich lokalem Patriotismus (inkl. “Marching Band “) wurden wir auf die elitäre Linie dieses Ortes geradezu heiliger Bildung eingeschworen. Kurzgefasst: Die UCB ist die beste Universität der Welt, unser (ihr seht, ich identifiziere mich bereits) Footballteam ist viel toller als das aus Stanford, die Menschen in Kalifornien sind netter als alle anderen, das Wetter ist toller, Kinder aller Nationalitäten leben und studieren gemeinsam in den Burn Out und therapiernen sich gemeinschaftlich und wenn möglich homöopathisch-ökologisch wieder heraus! All dies Sein vollzieht sich selbstverständlich hoch konzentriert und zielstrebig! Danebst gibt es hier keine Zeit für amerikanische Stereotypie: keiner mag Waffen, mein Advisor spricht fließend mehrere Sprachen (Tschechisch, Französisch & Koreanisch) und ich zählte in ganz Berkeley erst zwei amerikanische Flaggen. Überdies findet man in den völlig überteuerten Supermärkten (Discount-Ware sucht man hier vergebens) alles, was ein europäisch Herz nur so begehren mag. Während ich also an meinem Parmigiano-Reggano- Bagel knabbere und die Käsekrümel mit Gerolsteiner herunterspüle erbaue ich mich an den Wilkommensreden der Mitarbeiter des International Office, die mir versichern, dass dies die beste Universität des Planeten ist und ich mich glücklich schätzen soll, hier zu sein! Viele, so betonen Sie, haben nicht so viel Glück und müssen mit Orten wie der UCLA vorlieb nehmen!
Lieber Arndt, ich fürchte, damit ist uns eine ewige Feindschaft aufgezwungen! Go Bears!
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Berkeley
Flughäfen und -zeuge hinter mir gelassen habe ich mich mittlerweile im Convent eingefunden. Der Jetlag ist überwunden. Meine Behausung für die nächsten 10 Monate bildet ein ehemaliges Kloster (dessen Ehemaligkeit meinen Schätzungen zur Folge jedoch höchtens 30 Jahre betragen kann). Jedenfalls schläft es sich hier in recht kommodigen Zellen und die alte Kappelle fungiert als gemütlicher Fernsehsaal. Nette Menschen haben mich bereits ausgiebig mit koreanischem Barbecue versrogt und mir nahegelegt bei nächster Gelegenheit mit dem Auto durchs Death Valley nach Las Vegas zu reisen. Der Verkäufer meines frisch erworbenen Fahrrads hingegen schlug als alternativen Ausflug eine Radtour von San Francisco nach Berkeley via Golden Gate Bridge vor. Berkeley selbst ist bezaubernd, sobald ich herausgefunden habe, wie ich meine überdimensionierten Raw-Fotografien in moderatere Jpegs umwandeln kann, sollte es Hochladungen geben…
Bemerkenstwert:
Stewardessen der British Airways teilen männliche Reisende in zwei Gruppen ein: Eine Gruppe wird mit “Sir” angesprochen die andere mit “Sweetheart”. Das Diskriminationskriterium scheint das Alter zu sein. (Sir = über 20 & unter 60 / Sweetheart= unter 20 & über 60). Ich wurde jedenfalls konsequent mit Sir addressed…
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